Nachschlagewerk, keine Anwendungsempfehlung: Das Profil beschreibt Wirkmechanismus und Studienlage und ersetzt keine ärztliche Beratung. Die Versprechen stammen aus Werbung und Foren und werden hier geprüft, nicht vertreten.
Wirkweise
Evidenzkarte: Ginkgo biloba
Standardisierter Ginkgo-Blätterextrakt wird seit Jahrzehnten eingesetzt, um die Durchblutung zu verbessern und Demenz zu behandeln. Er enthält zahlreiche Flavonoide und Terpenoide; in meist tierexperimentellen Studien wirkt er auf Hirndurchblutung, Botenstoffsysteme, den zellulären Redoxzustand und Stickstoffmonoxid [1]. Das Terpenlacton Bilobalid hemmte im Labor GABA-A-Rezeptoren (α1β2γ2L) mit einer IC50 von 4,6 µM, fast so stark wie die klassischen Blocker Bicucullin und Picrotoxinin [2].
Für Gesunde ist die Datenlage eindeutig negativ: Eine Metaanalyse von RCTs fand für Gedächtnis (13 Studien), Exekutivfunktionen und Aufmerksamkeit Effektstärken nahe null, unabhängig von Alter, Dauer und Menge [3]. Eine sechswöchige RCT mit 230 kognitiv gesunden Menschen über 60 Jahren zeigte in keinem Test einen Vorteil [4]. Auch zur Vorbeugung taugte Ginkgo nicht: In der GEM-Studie mit 3069 Menschen ab 75 Jahren erkrankten mit Ginkgo nicht weniger an Demenz als mit Placebo [5], ebenso wenig in der französischen GuidAge-Studie mit 2854 Menschen mit Gedächtnisklagen [6].
Bei bestehender Demenz fand ein Cochrane-Review mit 82 Studien mögliche kleine bis mittlere Vorteile bei Gesamteindruck, Kognition und Alltagsfunktion nach sechs Monaten, allerdings mit geringer Vertrauenswürdigkeit und großer Heterogenität; bei leichter kognitiver Störung zeigte sich kaum ein Effekt [7]. Ein Langzeit-Fütterungsversuch des US-Toxikologieprogramms fand bei Mäusen mehr Lebertumoren und bei Ratten Veränderungen von Leber und Schilddrüse; der Extrakt war in Bakterientests mutagen [8].
Synaptik dient ausschließlich der biochemischen und pharmakologischen Aufklärung und ist keine medizinische Beratung oder Einnahmeempfehlung.
GABA Cl⁻ K⁺ Wirkstoff (Form je Stelle) Ringe = Bindungsstellen
Normalzustand
Ionenfluss durch hemmende Kanäle (Modell): Ausgangslage
Ginkgo (Bilobalid)
Ionenfluss durch hemmende Kanäle (Modell): weniger
Links ohne Wirkstoff, rechts mit dem gewählten Wirkstoff; beide mit derselben Ausgangslage. Wort und Balken unter den Feldern zeigen ohne Zahl nur die Richtung (Cl⁻ hinein und K⁺ hinaus zusammen). Bei den GABA-B-Agonisten laufen zwei belegte Teile gegeneinander, mehr K⁺ über GIRK und weniger GABA-Freisetzung; dass ihre Summe steigt, ist eine Setzung des Modells, keine Messung. Das Teilchenmodell ist illustrativ, keine Messung, und sagt nichts über das Ausmaß beim Menschen.
Das Terpenlacton Bilobalid aus Ginkgo-Blättern hemmte rekombinante α1β2γ2L-Rezeptoren in Froscheizellen mit einer IC50 von 4,6 µM, fast so stark wie die klassischen Blocker Bicucullin und Picrotoxinin. Es wirkte überwiegend nicht kompetitiv, bei hohen GABA-Konzentrationen mit einem kompetitiven Anteil [18]. Eine Bindestelle legt die Quelle nicht fest; die Teilchen bleiben deshalb in der Nähe des Rezeptors. Ob Ginkgo-Extrakte im Menschen so wirken, ist nicht gezeigt.
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Ebenfalls an diesem Wirkort, nicht gezeichnet
- Ashwagandha: Extrakt; partieller Agonist nur in Froscheizellen, Bindungsstelle offen
- Cortexin: nur ein Bindungsscreening
- Fasoracetam: nur veränderte Rezeptorexpression
- IDRA-21: GABA-Ströme nur in Zellkultur verstärkt; vor allem AMPA-Modulator
- Magnesiumglycinat: betrifft nur den Glycinanteil; Beleg nur eine Übersicht zu Glycin
- Nefiracetam: Affinität nur laut einer Übersicht
- Selank: Bindungsstelle ungeklärt
Angriffspunkte
| Ziel | Typ | Wirkung | Kennwert | Evidenz |
|---|---|---|---|---|
| GABA-A-Rezeptor (α1β2γ2L) durch Bilobalid | Rezeptor | Antagonist | IC50 4,6 µM (Labor) | Labor[2] |
Wirkprofil
- Dopamin
- Noradrenalin
- Serotonin
- Acetylcholin
- Glutamat · AMPA
- Glutamat · NMDA
- GABABilobalid hemmt GABA-A-Rezeptoren im Labor[2]
- Histamin
- Orexin
- Adenosin
- Opioide
- Melatonin
- Neurotrophine
- Durchblutungstärkere Hirndurchblutung, Stickstoffmonoxid verändert (überwiegend Tierdaten laut Übersicht)[1]
- Stickstoffmonoxid
- Energiestoffwechsel
- Insulin · Glukose
- Entzündung · oxidativEinfluss auf den Redoxzustand der Zellen (überwiegend Tierdaten laut Übersicht)[1]
- Stressachse
- Testosteron-Achse
- Endocannabinoide
- Autophagie · Seneszenz
- Immunsystem
- Lipidstoffwechsel
- Gerinnung · Fibrinolyse
- Methylierung
Studien am Menschen
Metaanalyse bei Gesunden
Gemessen: Gedächtnis, Exekutivfunktion, Aufmerksamkeit
Ergebnis: Effektstärken nahe null: Gedächtnis d = −0,04, Exekutivfunktion d = −0,05, Aufmerksamkeit d = −0,08.[3]
Mensch, randomisiert
Gedächtnis bei gesunden Älteren
Gemessen: neuropsychologische Tests, Selbst- und Fremdeinschätzung
Ergebnis: Kein Unterschied in irgendeinem Endpunkt.[4]
Mensch, randomisiert
GEM: Demenzprävention
Gemessen: neue Demenz, Alzheimer
Ergebnis: Kein Schutz: HR 1,12 (95-%-KI 0,94–1,33) für Demenz.[5]
Mensch, randomisiert
GuidAge: Alzheimer-Prävention
Gemessen: Übergang zu wahrscheinlicher Alzheimer-Demenz
Ergebnis: Kein signifikanter Unterschied (HR 0,84; 95-%-KI 0,60–1,18); von Ipsen finanziert.[6]
Mensch, randomisiert
Cochrane-Review kognitive Störungen und Demenz
Gemessen: Gesamteindruck, Kognition, Alltag, Nebenwirkungen
Ergebnis: MCI: kaum Effekt; Demenz: mögliche kleine bis mittlere Vorteile, geringe Vertrauenswürdigkeit.[7]
Mensch, randomisiert
Risiken und Warnhinweise
Blutungen
In der GuidAge-Studie mit 2854 Teilnehmenden unterschieden sich Schlaganfälle sowie andere Blutungs- und Herz-Kreislauf-Ereignisse über fünf Jahre nicht von Placebo [6].
Mensch, randomisiert
Tumoren im Langzeit-Tierversuch
Mäuse entwickelten nach zweijähriger Gabe gehäuft Lebertumoren, Ratten Veränderungen an Leber und Schilddrüse; der Extrakt war in Bakterientests mutagen. Die Übertragbarkeit auf den Menschen ist unklar [8].
Tierversuch
Unerwünschte Ereignisse
Bei MCI und Demenz kaum Unterschiede zu Placebo; bei subjektiven Beschwerden in einer Studie möglicherweise mehr unerwünschte Ereignisse [7].
Mensch, randomisiert
Faktencheck: verbreitete Behauptungen
- widerlegt
„Ginkgo verbessert Gedächtnis und Konzentration bei Gesunden“
Metaanalyse von RCTs mit Effektstärken nahe null [3]; RCT an 230 gesunden Älteren ohne Effekt [4].
- widerlegt
„Ginkgo beugt Demenz vor“
- teilweise belegt
„Ginkgo hilft bei bestehender Demenz“
Cochrane: mögliche kleine bis mittlere Vorteile bei Demenz, aber geringe Vertrauenswürdigkeit und große Heterogenität [7].
- teilweise belegt
„Ginkgo verbessert die Hirndurchblutung“
Vor allem in Tierstudien beschrieben [1]; ein Nutzen für Kognition bei Gesunden folgt daraus nicht [3].
Pharmakokinetik
- Aufnahme
- Über den Mund als standardisierter Extrakt.
- Halbwertszeit
- Nicht verifiziert.
- Abbau
- Nicht verifiziert.
- Weg ins Gehirn
- Nicht verifiziert.
Rechtlicher Status
- Deutschland
- Nicht verifiziert.
- EU
- Nicht verifiziert.
- USA
- Weit verbreitet als pflanzliches Nahrungsergänzungsmittel zur Förderung der geistigen Leistung [8].
- Andere Länder
- Standardisierte Extrakte werden seit Jahrzehnten therapeutisch eingesetzt, u. a. bei Demenz [1]; Länderangaben nicht geprüft.
Verwandte Substanzen
Offene Fragen
- Welche Bestandteile des Extrakts sind für die tierexperimentellen Effekte verantwortlich?
- Wie relevant sind die Tumorbefunde im Langzeit-Tierversuch für den Menschen?
- Gibt es Untergruppen mit Demenz, die verlässlich profitieren?
Referenzen
- Ahlemeyer B, Krieglstein J. Neuroprotective effects of Ginkgo biloba extract. Cell Mol Life Sci. 2003;60(9):1779–92. doi:10.1007/s00018-003-3080-1 · PubMed
- Huang SH, Duke RK, Chebib M, Sasaki K, Wada K, Johnston GA. Bilobalide, a sesquiterpene trilactone from Ginkgo biloba, is an antagonist at recombinant alpha1beta2gamma2L GABA(A) receptors. Eur J Pharmacol. 2003;464(1):1–8. doi:10.1016/s0014-2999(03)01344-x · PubMed
- Laws KR, Sweetnam H, Kondel TK. Is Ginkgo biloba a cognitive enhancer in healthy individuals? A meta-analysis. Hum Psychopharmacol. 2012;27(6):527–33. doi:10.1002/hup.2259 · PubMed
- Solomon PR, Adams F, Silver A, Zimmer J, DeVeaux R. Ginkgo for memory enhancement: a randomized controlled trial. JAMA. 2002;288(7):835–40. doi:10.1001/jama.288.7.835 · PubMed
- DeKosky ST, Williamson JD, Fitzpatrick AL, Kronmal RA, Ives DG, Saxton JA, et al. Ginkgo biloba for prevention of dementia: a randomized controlled trial. JAMA. 2008;300(19):2253–62. doi:10.1001/jama.2008.683 · PubMed
- Vellas B, Coley N, Ousset PJ, Berrut G, Dartigues JF, Dubois B, et al. Long-term use of standardised Ginkgo biloba extract for the prevention of Alzheimer’s disease (GuidAge): a randomised placebo-controlled trial. Lancet Neurol. 2012;11(10):851–9. doi:10.1016/S1474-4422(12)70206-5 · PubMed
- Wieland LS, Ludeman E, Chi Y, Feinberg TM, Chen IH, Chen KH, et al. Ginkgo biloba for cognitive impairment and dementia. Cochrane Database Syst Rev. 2026;2:CD013661. doi:10.1002/14651858.CD013661.pub2 · PubMed
- National Toxicology Program. Toxicology and carcinogenesis studies of Ginkgo biloba extract (CAS No. 90045-36-6) in F344/N rats and B6C3F1/N mice (gavage studies). Natl Toxicol Program Tech Rep Ser. 2013;(578):1–183. PubMed
Wie dieses Profil geprüft wurde
Stand: 2026-10-23. Alle Quellen mit DOI oder PMID wurden automatisch über Crossref bzw. doi.org und PubMed aufgelöst.
Geprüft
- Alle DOIs über Crossref aufgelöst, PMIDs passen zu den DOIs; [8] ohne DOI nur über PMID.
- Am Abstract: Inhaltsstoffe, Wirkungen überwiegend im Tierversuch [1]; IC50 4,6 µM [2]; d = −0,04/−0,05/−0,08, 1132 Teilnehmende für Gedächtnis [3]; 230 Personen, kein Unterschied [4]; 3069 Personen, HR 1,12 [5]; 2854 Personen, HR 0,84, keine Unterschiede bei Blutungen, Finanzierung durch Ipsen [6]; 82 Studien, 10 613 Teilnehmende, Ergebnisse nach Gruppen [7]; Zusammensetzung, Lebertumoren bei Mäusen, Schilddrüse, Mutagenität [8].
- ClinicalTrials.gov: 145 Einträge zu Ginkgo (23.10.2026).
Nicht verifiziert
- Zulassungsstatus standardisierter Extrakte in Deutschland und der EU (Arzneimittel) nicht in Registern geprüft.
- Wechselwirkungen (z. B. mit Gerinnungshemmern) wurden nicht gesondert recherchiert; das Blutungsrisiko ist nur über GuidAge belegt.
- Pharmakokinetik der Ginkgolide und Flavonoide beim Menschen.
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