Nachschlagewerk, keine Anwendungsempfehlung: Das Profil beschreibt Wirkmechanismus und Studienlage und ersetzt keine ärztliche Beratung. Die Versprechen stammen aus Werbung und Foren und werden hier geprüft, nicht vertreten.
Wirkweise
Evidenzkarte: Agmatin
Agmatin wurde 1994 als die lange gesuchte körpereigene „Clonidin-verdrängende Substanz“ identifiziert: Es bindet an α2-Adrenozeptoren und Imidazolin-Rezeptoren, wirkt an Imidazolin-Rezeptoren agonistisch, setzt in Nebennierenzellen Katecholamine frei und wird im Gehirn vom Enzym Arginindecarboxylase gebildet [1]. Abgebaut wird es vor allem durch Agmatinase zu Putrescin und Harnstoff oder durch Diaminoxidase [2]. Ein Review von 2017 nennt den Stoffwechsel des Agmatins im Menschen weiterhin unklar [3].
An Membranen aus der Rattenhirnrinde verhielt sich Agmatin wie ein kompetitiver Gegenspieler an einer Polyamin-Bindungsstelle des NMDA-Rezeptors (Ki 14,8 µM gegen die durch Spermidin verstärkte Bindung); ohne Polyamine wirkte es erst in sehr hohen Konzentrationen [4]. In Rückenmarksschnitten der Maus hemmte es bevorzugt NMDA-Rezeptoren mit GluN2B-Untereinheit, ähnlich wie Ifenprodil [5]. Bei Ratten stieg Agmatin nach Gabe in die Vene rasch im Gehirn an; über den Mund lag die Bioverfügbarkeit bei 29–35 %, und die schmerzlindernde Wirkung lief über die Hemmung von GluN2B-haltigen NMDA-Rezeptoren [6]. Auch bei Mäusen erreichte Agmatin über den Mund das Gehirn [7].
Zu Lernen und Gedächtnis gibt es nur Tierdaten mit gemischtem Bild: Bei Ratten veränderte Agmatin das räumliche Lernen nicht, schwächte aber dosisabhängig das kontextbezogene Furchtlernen ab [8]; in einer anderen Studie wirkte es allein nicht, hob aber eine durch Scopolamin ausgelöste Gedächtnisstörung auf [9].
Beim Menschen linderte Agmatinsulfat in einer randomisierten, placebokontrollierten Studie Schmerzen bei Bandscheibenvorfall stärker als Placebo, allerdings wurden nur 61 von 99 Teilnehmenden ausgewertet [10]. Daneben gibt es eine offene Fallserie bei Small-Fiber-Neuropathie [11], einen Bericht über drei Menschen mit Depression [12] und einen Selbstversuch zur Langzeitsicherheit [13]. Bei Ratten führten wiederholte Injektionen unter die Haut zu Hautnekrosen an der Einstichstelle [14].
Synaptik dient ausschließlich der biochemischen und pharmakologischen Aufklärung und ist keine medizinische Beratung oder Einnahmeempfehlung.
Glutamat Glycin / D-Serin Mg²⁺ Ca²⁺ Na⁺ K⁺ rot = Wirkstoff, in der Szene als verkleinerte Strukturformel · Formen wie in der Abbildung
Normalzustand
Ca²⁺-Einstrom (Modell): Ausgangslage
Agmatin
Ca²⁺-Einstrom (Modell): weniger
Links läuft der Normalzustand, rechts der gewählte Wirkstoff, beide mit denselben Takten. Wort und Balken unter den Feldern zeigen ohne Zahl nur die Richtung (weniger oder mehr Ca²⁺ als im Normalzustand). Das Modell ist illustrativ, keine Messung, und sagt nichts über das Ausmaß im Gehirn.
An Membranen aus der Rattenhirnrinde verhielt sich Agmatin wie ein kompetitiver Gegenspieler der Polyamine (Ki 14,8 µM gegen Spermidin-verstärkte Bindung); an welcher Stelle, ist laut den Autoren unbekannt, und die Wirkung unterschied sich von Ifenprodil und Arcain [18]. An Hippocampusneuronen der Ratte blockierte Agmatin NMDA-Ströme spannungsabhängig; die Autoren verorten die Bindung in der Kanalpore [19]. In Rückenmarksschnitten der Maus hemmte es bevorzugt GluN2B-haltige Rezeptoren [20]. Der Bindeort ist damit nicht bestimmt: Die Abbildung zeichnet Agmatin frei im Spalt und färbt nur GluN2B ein. Im Modell öffnet der Kanal seltener (illustrativ).
Einen beschrifteten Teil antippen oder fokussieren, um eine kurze Erklärung zu sehen.
Ebenfalls an diesem Wirkort, nicht gezeichnet
- CX-717: Ampakin; NMDA-Effekt nur indirekt, kein Angriff am Rezeptor selbst
- Huperzin A: NMDA-Hemmung nur in einer Übersicht der Entwicklergruppe, ohne Bindestelle
- L-Theanin: nur sehr schwache Bindung an Glutamatrezeptoren
- Phenylpiracetam: keine Verdrängung der Liganden am NMDA-Rezeptor
- Piracetam: nur veränderte Rezeptorzahl (Maus)
- Selank: nur veränderte Zahl der Bindungsstellen (Maus)
Angriffspunkte
| Ziel | Typ | Wirkung | Kennwert | Evidenz |
|---|---|---|---|---|
| Imidazolin-Rezeptoren | Rezeptor | Agonist (körpereigener Ligand) | Labor[1] | |
| α2-Adrenozeptoren | Rezeptor | Bindung | Labor[1] | |
| NMDA-Rezeptor, Polyamin-Bindungsstelle | Rezeptor | Antagonist (kompetitiv) | Ki 14,8 µM gegen Spermidin-verstärkte Bindung (Rattenhirnrinde) | Labor[4] |
| NMDA-Rezeptoren mit GluN2B-Untereinheit | Rezeptor | Antagonist (bevorzugt) | Tierversuch[5][6] |
Wirkprofil
- Dopamin
- NoradrenalinBindung an α2-Adrenozeptoren, Katecholaminfreisetzung aus Nebennierenzellen[1]
- Serotonin
- Acetylcholin
- Glutamat · AMPA
- Glutamat · NMDAHemmung an der Polyamin-Stelle und bevorzugt an GluN2B-Rezeptoren; Schmerzhemmung bei Ratten über GluN2B[4][5][6]
- GABA
- Histamin
- Orexin
- Adenosin
- Opioide
- Melatonin
- Neurotrophine
- Durchblutung
- Stickstoffmonoxid
- Energiestoffwechsel
- Insulin · Glukose
- Entzündung · oxidativ
- Stressachse
- Testosteron-Achse
- Endocannabinoide
- Autophagie · Seneszenz
- Immunsystem
- Lipidstoffwechsel
- Gerinnung · Fibrinolyse
- Methylierung
Studien am Menschen
Bandscheibenvorfall, Schmerz
Gemessen: Schmerz (VAS, McGill), Oswestry-Index, Lebensqualität (SF-36)
Ergebnis: Schmerz und Lebensqualität stärker verbessert als mit Placebo; nur 61 von 99 ausgewertet; zwei Mitautoren halten laut späteren Erklärungen Patente.[10]
Mensch, randomisiert
Verträglichkeit, Dosissteigerung
Gemessen: Sicherheit, Nebenwirkungen
Ergebnis: Sicherheitswerte normal; in der höchsten Stufe bei drei Personen leichter bis mäßiger Durchfall und Übelkeit.[10]
Mensch, nicht randomisiert
Small-Fiber-Neuropathie
Gemessen: Neuropathischer Schmerzfragebogen
Ergebnis: Schmerz im Mittel um 46 % gesenkt; 11 abgeschlossen; Letztautor mit Patenten und Firmenanteilen.[11]
Mensch, nicht randomisiert
Depression, Pilotbericht
Gemessen: HAM-D, CGI, BPRS
Ergebnis: Drei Menschen mit voller Remission; Gesamtzahl der Behandelten im Abstract nicht angegeben.[12]
Mensch, nicht randomisiert
Langzeit-Selbstversuch
Gemessen: Untersuchungen, Blut- und Urinwerte
Ergebnis: Alle Werte im Normbereich; die Autoren halten laut späteren Erklärungen Patente und Firmenanteile.[13]
Mensch, nicht randomisiert
Plasmaspiegel bei Depression
Gemessen: Arginin-Metabolite im Plasma
Ergebnis: Agmatin bei Depression höher als bei Gesunden; positiv mit Stress korreliert.[16]
Mensch, nicht randomisiert
Risiken und Warnhinweise
Magen-Darm-Beschwerden
In der höchsten Stufe einer offenen Dosissteigerung leichter bis mäßiger Durchfall und Übelkeit, die nach dem Absetzen verschwanden [10]; im Bericht zur Depression bei einer Person vorübergehend weicher Stuhl [12].
Mensch, nicht randomisiert
Langzeitsicherheit unklar
Daten über Wochen hinaus stammen aus einem Selbstversuch der Autoren [13] sowie aus Tierstudien über 15 Wochen bzw. 95 Tage [7][17]; Erbgutschädigung in Standardtests nicht nachgewiesen [15]. Große Teile dieser Daten stammen von einer Gruppe mit eigenen Patenten.
Mensch, nicht randomisiert
Blutdruck
Bei Ratten über 95 Tage leicht gesenkter Blutdruck und weniger Gewicht, nach dem Absetzen wieder normal [17]; ein systematischer Review präklinischer Studien beschreibt je nach Menge und Gabeweg sowohl steigende als auch sinkende Blutdruck- und Herzfrequenzwerte [18].
Tierversuch
Hautnekrosen bei Injektion (Tierversuch)
Wiederholte Injektionen unter die Haut führten bei Ratten zu Nekrosen an der Einstichstelle, Injektionen in die Bauchhöhle nicht; das Forschungsteam stellt Fragen zur frei verkäuflichen Anwendung beim Menschen [14].
Tierversuch
Faktencheck: verbreitete Behauptungen
- nicht belegt
„Agmatin verbessert Gedächtnis und Konzentration bei Gesunden“
Keine Humanstudie gefunden. Bei gesunden Ratten kein Vorteil, eine Form des Lernens sogar abgeschwächt [8]; ein Effekt nur bei künstlich gestörtem Gedächtnis [9].
- nicht belegt
„Agmatin wirkt beim Menschen antidepressiv“
Nur ein offener Bericht über drei Menschen [12]. Die Plasmaspiegel sind bei Depression eher erhöht als erniedrigt [16]; im Hippocampus von Menschen mit affektiven Störungen ist das abbauende Enzym vermehrt [19].
- teilweise belegt
„Agmatin lindert Nervenschmerzen“
Eine RCT bei Bandscheibenvorfall mit hohem Ausfall [10] und eine offene Fallserie [11], beide unter Beteiligung derselben Gruppe mit Patenten; unabhängige Bestätigung fehlt.
- nicht belegt
„Agmatin ist langfristig sicher“
Langzeitdaten beim Menschen nur aus dem Selbstversuch der Autoren, die Patente halten [13]; sonst Tierstudien [7][17] und negative Erbguttests [15].
- nicht belegt
„Agmatin hilft bei Alzheimer“
Ein Review von 2024 spricht von präklinischer und klinischer Evidenz [20], eine PubMed-Suche ergab aber keine Studie bei Menschen mit Alzheimer-Demenz; Gedächtnisdaten stammen aus Tiermodellen wie dem Scopolamin-Modell [9].
Pharmakokinetik
- Aufnahme
- Ratte: orale Bioverfügbarkeit 29–35 % [6]; Mensch nicht verifiziert.
- Halbwertszeit
- Ratte: nach Gabe in die Vene 14,9–18,9 min, nach oraler Gabe 74,4–117 min (verzögerte Aufnahme bestimmt den Verlauf) [6]; Mensch nicht verifiziert.
- Abbau
- Abbau durch Agmatinase zu Putrescin und Harnstoff oder durch Diaminoxidase [2]; im Menschen noch unvollständig verstanden [3].
- Weg ins Gehirn
- Bei Ratten und Mäusen rascher Anstieg im Gehirn, auch nach oraler Gabe [6][7]; beim Menschen nicht verifiziert.
Rechtlicher Status
- Deutschland
- Nicht verifiziert.
- EU
- Nicht verifiziert.
- USA
- Wird von einer Forschungsgruppe mit eigenen Patenten als Nahrungsergänzungszutat beschrieben [15]; rechtlicher Status nicht an Behördendokumenten geprüft.
- Andere Länder
- Nicht verifiziert.
Offene Fragen
- Wie verhalten sich Aufnahme, Halbwertszeit und Hirnspiegel beim Menschen?
- Bestätigen unabhängige, größere RCTs die Schmerzlinderung?
- Warum sind die Plasmaspiegel bei Depression erhöht, wenn Agmatin im Tier antidepressiv wirken soll?
- Beeinflusst Agmatin Kognition bei Gesunden überhaupt, und in welche Richtung?
Referenzen
- Li G, Regunathan S, Barrow CJ, Eshraghi J, Cooper R, Reis DJ. Agmatine: an endogenous clonidine-displacing substance in the brain. Science. 1994;263(5149):966–9. doi:10.1126/science.7906055 · PubMed
- Benítez J, García D, Romero N, González A, Martínez-Oyanedel J, Figueroa M, et al. Metabolic strategies for the degradation of the neuromodulator agmatine in mammals. Metabolism. 2018;81:35–44. doi:10.1016/j.metabol.2017.11.005 · PubMed
- Laube G, Bernstein HG. Agmatine: multifunctional arginine metabolite and magic bullet in clinical neuroscience? Biochem J. 2017;474(15):2619–40. doi:10.1042/BCJ20170007 · PubMed
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- Waataja JJ, Peterson CD, Verma H, Goracke-Postle CJ, Séguéla P, Delpire E, et al. Agmatine preferentially antagonizes GluN2B-containing N-methyl-d-aspartate receptors in spinal cord. J Neurophysiol. 2019;121(2):662–71. doi:10.1152/jn.00172.2018 · PubMed
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Wie dieses Profil geprüft wurde
Stand: 2026-10-23. Alle Quellen mit DOI oder PMID wurden automatisch über Crossref bzw. doi.org und PubMed aufgelöst.
Geprüft
- Alle DOIs und PMIDs über PubMed abgeglichen; Autorennamen von [16] über Crossref (PubMed führt dort Vor- und Nachnamen vertauscht).
- Am Abstract: Clonidin-verdrängende Substanz, α2- und Imidazolin-Bindung, Imidazolin-Agonist, Katecholaminfreisetzung, Arginindecarboxylase [1]; Agmatinase, Diaminoxidase, Putrescin und Harnstoff [2]; Ki 14,8 µM, kompetitiv [4]; GluN2B, Ifenprodil, Maus-Rückenmark [5]; Halbwertszeiten, Bioverfügbarkeit 29–35 %, GluN2B-Schmerzhemmung [6]; 15 Wochen, Hirnspiegel nach oraler Gabe [7]; kein Effekt im Wasserlabyrinth, dosisabhängig weniger Kontext-Furchtlernen [8]; Scopolamin-Modell, allein kein Effekt [9]; 51 + 48 randomisiert, 31 + 30 ausgewertet, Durchfall und Übelkeit in der höchsten Stufe [10]; 12 rekrutiert, 11 abgeschlossen, 46,4 %, Interessenkonflikt [11]; drei Remissionen, weicher Stuhl bei einer Person [12]; bis 5 Jahre Selbstversuch [13]; Hautnekrosen nur bei subkutaner Gabe [14]; 77 + 27 Personen, Agmatin bei Depression höher [16]; Agmatinase bei affektiven Störungen erhöht, 11 + 12 Gehirne [19]; Stoffwechsel unklar [3]; 60 präklinische Studien, Blutdruck in beide Richtungen [18]; Ames-, Chromosomen- und Mikrokerntest negativ, Interessenkonflikt [15]; 95 Tage Ratten, Blutdruck und Gewicht leicht gesenkt [17]; Review-Aussage zu klinischer Evidenz [20].
- ClinicalTrials.gov: 2 Einträge (23.10.2026).
Nicht verifiziert
- Rechtlicher Status in Deutschland, der EU und den USA nicht an Behördendokumenten geprüft.
- Pharmakokinetik beim Menschen (Aufnahme, Halbwertszeit, Hirngängigkeit).
- Interessenkonflikte in [10], [13] und [17]: Die Abstracts nennen keine; Patente und Firmenanteile der Gilads sind erst in [11] und [15] ausgewiesen.
- Welche „klinischen Studien“ der Alzheimer-Review [20] meint, wurde nicht im Volltext geprüft.
- Wechselwirkungen mit Clonidin oder Blutdrucksenkern über Imidazolin- oder α2-Rezeptoren sind naheliegend, aber nicht belegt und deshalb nicht aufgenommen.
Keine Dosierungen, keine Bezugsquellen. Diese Informationen ersetzen keine ärztliche Beratung.
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