Nachschlagewerk, keine Anwendungsempfehlung: Das Profil beschreibt Wirkmechanismus und Studienlage und ersetzt keine ärztliche Beratung. Die Versprechen stammen aus Werbung und Foren und werden hier geprüft, nicht vertreten.

Wirkweise

Evidenzkarte: L-Theanin

Jede Linie steht für einen publizierten Befund; Linienstil und Farbe zeigen, woher er stammt. Der Filter blendet schwächere Evidenzstufen aus. Quellen: siehe Referenzen.

Bei Ratten gelangt L-Theanin nach Gabe in den Magen über ein Leucin-bevorzugendes Transportsystem ins Gehirn; Serotonin und Dopamin stiegen vor allem in Striatum, Hypothalamus und Hippocampus, und direkt ins Striatum gegeben setzte Theanin Dopamin frei, was ein NMDA-Antagonist deutlich abschwächte [1]. An Glutamatrezeptoren aus Rattenneuronen bindet Theanin nur sehr schwach: Seine IC50 lag 80- bis 30 000-fach über der von Glutamat [2]. Eine spätere Arbeit derselben Gruppe fand keine Wirkung auf die Rezeptorbindung, wohl aber eine Hemmung der Glutaminaufnahme in Neuronen und Astrozyten und bei sehr hoher Konzentration eine geringere Glutamatfreisetzung [3].

Beim Menschen wird L-Theanin aus Kapseln und aus grünem Tee gleich gut aufgenommen; die höchsten Plasmaspiegel werden nach etwa 0,8 Stunden erreicht, und es wird offenbar zu Ethylamin und Glutaminsäure gespalten [4]. Mögliche Wirkungen können deshalb vom Theanin selbst oder von diesen Spaltprodukten stammen [4]. Eine Übersichtsarbeit fasst zusammen, dass Berichte über vermehrte Alpha-Wellen im EEG, weniger Stress und besseren Schlaf häufig uneinheitlich sind, dass viele Studien aus einer Region und von einem Hersteller stammen und dass Tierversuche ein gutes Sicherheitsprofil zeigen [5].

Eingeordnet am Wirkort NMDA-Rezeptor (GluN1/GluN2B) in der postsynaptischen Membran eines Dornfortsatzes; in der Abbildung dort nicht gezeichnet: nur sehr schwache Bindung an Glutamatrezeptoren.

Angriffspunkte

ZielTypWirkungKennwertEvidenz
Ionotrope Glutamatrezeptoren (AMPA, Kainat, NMDA-Glycinstelle)RezeptorBindungIC50 80- bis 30 000-fach höher als Glutamat (Rattenneurone) Labor[2]
Glutamin-TransporterTransporterHemmerHemmung der Glutaminaufnahme bei 0,1–10 mM (Rattenzellen) Labor[3]

Wirkprofil

Welche Botenstoffsysteme die Substanz nach heutiger Datenlage beeinflusst. ↑ verstärkt, ↓ gedämpft, ≈ moduliert, ○ kein Effekt; Punkte = Evidenzstufe.

  • Dopamin↑ · Mehr Dopamin im Striatum und Dopaminfreisetzung nach Injektion (Ratte)[1]
  • Noradrenalinkeine Daten
  • Serotonin↑ · Mehr Serotonin in Striatum, Hypothalamus und Hippocampus (Ratte)[1]
  • Acetylcholinkeine Daten
  • Glutamat · AMPAunklar · Sehr schwache Bindung in einer Studie, keine Wirkung auf die Bindung in einer späteren[2][3]
  • Glutamat · NMDAunklar · Hemmt Glutaminaufnahme und verringert bei hoher Konzentration die Glutamatfreisetzung (Zellkultur)[2][3]
  • GABAkeine Daten
  • Histaminkeine Daten
  • Orexinkeine Daten
  • Adenosinkeine Daten
  • Opioidekeine Daten
  • Melatoninkeine Daten
  • Neurotrophinekeine Daten
  • Durchblutungkeine Daten
  • Stickstoffmonoxidkeine Daten
  • Energiestoffwechselkeine Daten
  • Insulin · Glukosekeine Daten
  • Entzündung · oxidativkeine Daten
  • Stressachsekeine Daten
  • Testosteron-Achsekeine Daten
  • Endocannabinoidekeine Daten
  • Autophagie · Seneszenzkeine Daten
  • Immunsystemkeine Daten
  • Lipidstoffwechselkeine Daten
  • Gerinnung · Fibrinolysekeine Daten
  • Methylierungkeine Daten

Studien am Menschen

  • Aufnahme und Abbau

    randomisiert, Crossover · gesund · n = 12 · Einzelgaben

    Gemessen: Plasma-, Erythrozyten- und Urinspiegel

    Ergebnis: Kapsel und Tee gleichwertig; höchster Spiegel nach 0,8 Stunden; Spaltung zu Ethylamin und Glutaminsäure.[4]

    Mensch, randomisiert

  • Metaanalyse Tee, Theanin und Theanin plus Koffein

    systematische Übersicht und Metaanalyse von RCTs (50 RCTs, 15 in Metaanalysen) · gesund · überwiegend akut (1.–2. Stunde)

    Gemessen: Kognition, Stimmung, Schlaf

    Ergebnis: Theanin allein: schnellere Wahlreaktionszeit (SMD −0,35); mit Koffein kleine bis mittlere Vorteile gegenüber Placebo, oft mit breiten Konfidenzintervallen. Teils von einem Teehersteller finanziert.[6]

    Mensch, randomisiert

  • Metaanalyse Theanin und Kognition

    Metaanalyse placebokontrollierter RCTs (5 Studien) · gesund · n = 148 · akut bis wenige Wochen

    Gemessen: Reaktionszeiten, Stroop-Test

    Ergebnis: Schnellere Wiedererkennungs-Reaktionszeit (MD −15,2 ms); einfache Reaktionszeit und Stroop-Test ohne signifikanten Effekt.[7]

    Mensch, randomisiert

  • Stress, Schlaf und Kognition über vier Wochen

    RCT, doppelblind, placebokontrolliert, Crossover · gesund · n = 30 · 4 Wochen je Phase

    Gemessen: Fragebögen zu Stress und Schlaf, kognitive Tests

    Ergebnis: Bessere Werte bei Stress- und Schlaffragebögen sowie bei Wortflüssigkeit und exekutiver Funktion; Präparat vom Hersteller gestellt, zwei Autoren dort angestellt.[8]

    Mensch, randomisiert

Risiken und Warnhinweise

  • Wenig Langzeitdaten

    In Tierversuchen keine Toxizität bis zur höchsten geprüften Menge; kontrollierte Langzeitstudien am Menschen fehlen, die Autoren einer Übersicht raten bei pharmakologischen Mengen zur Vorsicht [5].

    Tierversuch

Faktencheck: verbreitete Behauptungen

  • teilweise belegt

    „L-Theanin verbessert Konzentration und Aufmerksamkeit“

    Schnellere Reaktionszeiten in einzelnen Tests, andere Tests ohne Effekt; wenige, kleine Studien [6][7].

  • nicht belegt

    „L-Theanin verstärkt die Fokuswirkung von Koffein und mildert dessen Nebenwirkungen“

    Die Kombination wirkt besser als Placebo [6], ein eigener Beitrag des Theanins gegenüber Koffein allein ist aber nicht gezeigt; die EFSA erklärte die Aufmerksamkeitswirkung von Schwarztee mit dessen Koffein [9].

  • teilweise belegt

    „L-Theanin erhöht Alpha-Wellen und wirkt entspannend“

    Einzelne Studien berichten mehr Alpha-Aktivität und weniger Stress, die Befunde sind aber häufig uneinheitlich [5].

  • teilweise belegt

    „L-Theanin verbessert den Schlaf“

    In einer kleinen, herstellernahen RCT besserte sich die selbst berichtete Schlafqualität [8]; laut Übersicht fehlen hochwertige Studien zu Einschlafen und Durchschlafen [5].

Pharmakokinetik

Aufnahme
Rasch; höchste Plasmaspiegel nach etwa 0,8 Stunden, aus Kapseln und Tee vergleichbar [4].
Halbwertszeit
Nicht als Zahlenwert berichtet; Messungen bis 24 Stunden [4].
Abbau
Vermutlich Spaltung zu Ethylamin und Glutaminsäure; Ausscheidung auch unverändert im Urin [4].
Weg ins Gehirn
Bei Ratten über ein Leucin-bevorzugendes Transportsystem ins Gehirn [1].

Rechtlicher Status

Deutschland
Bestandteil von Tee und Nahrungsergänzungsmitteln; lebensmittelrechtlicher Status nicht verifiziert.
EU
Eine Gesundheitsangabe zu L-Theanin wurde laut Übersichtsarbeit auf Grundlage einer EFSA-Bewertung abgelehnt [5]. Die Aufmerksamkeitswirkung von Schwarztee führte die EFSA auf dessen Koffein zurück [9].
USA
Nicht verifiziert.

Offene Fragen

  • Wirkt L-Theanin selbst, oder wirken seine Spaltprodukte Ethylamin und Glutaminsäure?
  • Trägt L-Theanin in Kombination mit Koffein etwas bei, das Koffein allein nicht leistet?
  • Bestätigen unabhängige, größere RCTs die Effekte auf Reaktionszeit, Stress und Schlaf?

Referenzen

  1. Yokogoshi H, Kobayashi M, Mochizuki M, Terashima T. Effect of theanine, r-glutamylethylamide, on brain monoamines and striatal dopamine release in conscious rats. Neurochem Res. 1998;23(5):667–73. doi:10.1023/a:1022490806093 · PubMed
  2. Kakuda T, Nozawa A, Sugimoto A, Niino H. Inhibition by theanine of binding of [3H]AMPA, [3H]kainate, and [3H]MDL 105,519 to glutamate receptors. Biosci Biotechnol Biochem. 2002;66(12):2683–6. doi:10.1271/bbb.66.2683 · PubMed
  3. Kakuda T, Hinoi E, Abe A, Nozawa A, Ogura M, Yoneda Y. Theanine, an ingredient of green tea, inhibits [3H]glutamine transport in neurons and astroglia in rat brain. J Neurosci Res. 2008;86(8):1846–56. doi:10.1002/jnr.21637 · PubMed
  4. Scheid L, Ellinger S, Alteheld B, Herholz H, Ellinger J, Henn T, et al. Kinetics of L-theanine uptake and metabolism in healthy participants are comparable after ingestion of L-theanine via capsules and green tea. J Nutr. 2012;142(12):2091–6. doi:10.3945/jn.112.166371 · PubMed
  5. Dashwood R, Visioli F. L-theanine: from tea leaf to trending supplement – does the science match the hype for brain health and relaxation? Nutr Res. 2025;134:39–48. doi:10.1016/j.nutres.2024.12.008 · PubMed
  6. Payne ER, Aceves-Martins M, Dubost J, Greyling A, de Roos B. Effects of tea (Camellia sinensis) or its bioactive compounds L-theanine or L-theanine plus caffeine on cognition, sleep, and mood in healthy participants: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Nutr Rev. 2025;83(10):1873–91. doi:10.1093/nutrit/nuaf054 · PubMed
  7. Mátyus RO, Szikora Z, Bodó D, Vargáné Szabó B, Csupor É, Csupor D, et al. Promising, but not completely conclusive – the effect of L-theanine on cognitive performance based on the systematic review and meta-analysis of randomized placebo-controlled clinical trials. J Clin Med. 2025;14(21):7710. doi:10.3390/jcm14217710 · PubMed
  8. Hidese S, Ogawa S, Ota M, Ishida I, Yasukawa Z, Ozeki M, et al. Effects of L-theanine administration on stress-related symptoms and cognitive functions in healthy adults: a randomized controlled trial. Nutrients. 2019;11(10):2362. doi:10.3390/nu11102362 · PubMed
  9. EFSA Panel on Dietetic Products, Nutrition and Allergies (NDA); Turck D, Bresson JL, Burlingame B, Dean T, Fairweather-Tait S, et al. Black tea and improvement of attention: evaluation of a health claim pursuant to Article 13(5) of Regulation (EC) No 1924/2006. EFSA J. 2018;16(5):e05266. doi:10.2903/j.efsa.2018.5266 · PubMed
Wie dieses Profil geprüft wurde

Stand: 2026-10-23. Alle Quellen mit DOI oder PMID wurden automatisch über Crossref bzw. doi.org und PubMed aufgelöst.

Geprüft

  • Alle 9 DOIs über Crossref und alle PMIDs über PubMed mit tools/pruefe_profile.py aufgelöst.
  • Abstracts: Transport ins Gehirn, 5-HT/DA ↑, NMDA-abhängige DA-Freisetzung [1]; IC50 80- bis 30 000-fach [2]; keine Rezeptorwirkung, Glutamin-Transport 0,1–10 mM, Glutamat ↓ bei 10 mM [3]; n = 12, Tmax 0,8 h, Ethylamin und Glutaminsäure [4]; 50 RCTs, 15 metaanalysiert, SMD −0,35, Finanzierung durch Lipton [6]; 5 RCTs, 148 Personen, MD −15,2 ms [7]; n = 30, Crossover, Interessenkonflikt [8]; Schwarztee-Wirkung durch Koffein [9].
  • Im Volltext [5]: uneinheitliche Befunde zu Alpha-Wellen, Stress, Schlaf; viele Studien aus einer Region und von einem Hersteller; Tierversuche ohne Toxizität; Ablehnung einer Gesundheitsangabe zu Theanin auf Basis einer EFSA-Bewertung.
  • ClinicalTrials.gov: 57 Einträge zu Theanin (23.10.2026).

Nicht verifiziert

  • Das EFSA-Gutachten zu L-Theanin von 2011 (DOI 10.2903/j.efsa.2011.2238) war nicht abrufbar; Inhalt nur über [5] belegt.
  • Lebensmittelrechtlicher Status von L-Theanin als Zutat in der EU nicht geprüft.
  • Ob die Arbeiten [2] und [3] von einem Teehersteller stammen (Erstautor mit Firmenadresse), wurde nicht weiter geprüft.

Keine Dosierungen, keine Bezugsquellen. Diese Informationen ersetzen keine ärztliche Beratung.

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