Nachschlagewerk, keine Anwendungsempfehlung: Das Profil beschreibt Wirkmechanismus und Studienlage und ersetzt keine ärztliche Beratung. Die Versprechen stammen aus Werbung und Foren und werden hier geprüft, nicht vertreten.
Wirkweise
Evidenzkarte: Levetiracetam
Levetiracetam bindet im Gehirn von Ratten reversibel und stereoselektiv an eine spezifische Bindungsstelle (Kd etwa 780 nM); das R-Enantiomer bindet rund 1000-fach schwächer, und auch Piracetam und Aniracetam verdrängen die Bindung [1]. Diese Bindungsstelle ist das synaptische Vesikelprotein SV2A: Mäuse ohne SV2A binden keinen markierten Liganden, die Isoformen SV2B und SV2C binden nicht, und die Affinität verwandter Substanzen zu SV2A sagte ihren Anfallsschutz bei Mäusen vorher [2]. In menschlichem Gehirngewebe verhält sich die Bindung nahezu gleich wie in Rattenhirn und an rekombinantem menschlichem SV2A [3].
Daneben hemmt Levetiracetam in isolierten Hippocampus-Neuronen der Ratte selektiv N-Typ-Calciumkanäle, maximal um etwa 37 % [4]. Eine Übersichtsarbeit beschreibt weitere Angriffspunkte, darunter die Aufhebung der Hemmung von GABA-A- und Glycinrezeptoren durch Zink und β-Carboline sowie eine schwache Dämpfung AMPA-vermittelter Ströme in Zellkultur, und ordnet SV2A als Hauptmechanismus ein [5]. Pharmakokinetisch wird Levetiracetam zu zwei Dritteln unverändert über die Niere ausgeschieden und nicht über Cytochrom-P450-Enzyme abgebaut [6].
In der Epilepsiebehandlung ist die Wirkung durch einen Cochrane-Review gut belegt [7]. Häufigste Nebenwirkungen sind Schläfrigkeit und Müdigkeit [7][8]. Bei gesunden Erwachsenen verschlechterte Levetiracetam kognitive Tests weniger als Carbamazepin, schnitt aber in Nebenanalysen schlechter ab als die Phase ohne Medikament [9]; in zwei weiteren randomisierten Studien unterschied es sich kaum von Placebo [10][11]. Bei amnestischer leichter kognitiver Beeinträchtigung senkte eine niedrige Gabe die Überaktivität im Hippocampus und verbesserte eine Gedächtnisaufgabe [12]; bei Alzheimer-Krankheit verfehlte eine Crossover-Studie den primären Endpunkt, zeigte aber Vorteile bei Menschen mit epileptiformer Aktivität [13].
Angriffspunkte
| Ziel | Typ | Wirkung | Kennwert | Evidenz |
|---|---|---|---|---|
| Synaptisches Vesikelprotein 2A (SV2A) | Sonstiges | Bindung | Kd ≈ 780 nM (Rattenhippocampus); keine Bindung an SV2B/SV2C | Labor[1][2][3] |
| N-Typ-Calciumkanäle (Hippocampus) | Ionenkanal | Hemmer | maximal ≈ 37 % Hemmung (isolierte CA1-Neuronen der Ratte) | Labor[4] |
Wirkprofil
- Dopamin
- Noradrenalin
- Serotonin
- Acetylcholin
- Glutamat · AMPAschwache Dämpfung AMPA-vermittelter Ströme in kortikalen Zellkulturen (Übersicht)[5]
- Glutamat · NMDA
- GABAhebt die Hemmung von GABA-A- und Glycinrezeptoren durch Zink und β-Carboline auf (Übersicht, Laborstudien)[5]
- Histamin
- Orexin
- Adenosin
- Opioide
- Melatonin
- Neurotrophine
- Durchblutung
- Stickstoffmonoxid
- Energiestoffwechsel
- Insulin · Glukose
- Entzündung · oxidativ
- Stressachse
- Testosteron-Achse
- Endocannabinoide
- Autophagie · Seneszenz
- Immunsystem
- Lipidstoffwechsel
- Gerinnung · Fibrinolyse
- Methylierung
Studien am Menschen
Cochrane-Review Zusatztherapie fokale Epilepsie
Gemessen: mindestens 50 % weniger Anfälle
Ergebnis: Ansprechen häufiger als unter Placebo (RR 2,37; 95-%-KI 2,02–2,78); Schläfrigkeit bei 13 %.[7]
Mensch, randomisiert
Gesunde Erwachsene, Vergleich mit Carbamazepin
Gemessen: 11 neuropsychologische Tests und ein kognitiv-neurophysiologischer Test
Ergebnis: Carbamazepin schlechter als Levetiracetam; beide in Nebenanalysen schlechter als die Phase ohne Medikament.[9]
Mensch, randomisiert
Gesunde, Akutgabe
Gemessen: kognitiv-neurophysiologischer Test, neuropsychologische Tests
Ergebnis: Profil von Levetiracetam und Brivaracetam ähnlich wie Placebo; nur Lorazepam verschlechterte die Leistung.[10]
Mensch, randomisiert
Gesunde Ältere
Gemessen: 32 Variablen zu Kognition, Stimmung, Gleichgewicht
Ergebnis: 29 von 32 Variablen ohne Unterschied, drei besser unter Levetiracetam; Trend zu mehr Reizbarkeit und Müdigkeit.[11]
Mensch, randomisiert
Amnestische leichte kognitive Beeinträchtigung
Gemessen: fMRT-Aktivierung im Gyrus dentatus/CA3, Gedächtnisaufgabe
Ergebnis: Überaktivität auf das Niveau der Kontrollgruppe gesenkt, Gedächtnisaufgabe besser gelöst.[12]
Mensch, randomisiert
Alzheimer-Krankheit (LEV-AD)
Gemessen: Exekutivfunktion (NIH-EXAMINER)
Ergebnis: Primärer Endpunkt unverändert (Differenz 0,07; 95-%-KI −0,18 bis 0,32); bei epileptiformer Aktivität bessere Werte in Stroop und Routenlernen (explorativ).[13]
Mensch, randomisiert
Risiken und Warnhinweise
Schläfrigkeit und Müdigkeit
Schläfrigkeit häufiger als unter Placebo (RR 1,62) [7]; in einer Meta-Analyse auch Müdigkeit erhöht (OR 1,48) [8].
Mensch, randomisiert
Verhaltensänderungen
Bei Erwachsenen selten (1 %, nicht signifikant), bei Kindern bei 23 % und signifikant häufiger als unter Placebo [7]; Depression nicht häufiger als unter anderen Antiepileptika [8].
Mensch, randomisiert
Psychose und Suizidalität
In Fallberichten und Fallserien beschrieben; ein ursächlicher Zusammenhang ist damit nicht belegt [14].
Mensch, nicht randomisiert
Eingeschränkte Nierenfunktion
Die Ausscheidung ist bei Nierenfunktionsstörung verlangsamt, die Halbwertszeit verlängert [6][14].
Mensch, nicht randomisiert
Wechselwirkungen
- Enzyminduzierende Antiepileptika: Bei gleichzeitiger Einnahme war die Levetiracetam-Exposition (AUC) um etwa 21 % niedriger [14].
- Über Cytochrom P450 abgebaute Arzneimittel: Wegen fehlenden CYP-Abbaus und geringer Eiweißbindung kaum Wechselwirkungen [6].
Faktencheck: verbreitete Behauptungen
- nicht belegt
„Levetiracetam verbessert die Kognition bei Gesunden“
In drei randomisierten Studien kein Leistungsgewinn, teils schlechter als ohne Medikament [9][10][11].
- teilweise belegt
„Levetiracetam verbessert das Gedächtnis bei beginnender Alzheimer-Krankheit“
Eine kleine Studie bei amnestischer leichter kognitiver Beeinträchtigung war positiv [12]; bei Alzheimer-Krankheit verfehlte die Studie den primären Endpunkt, explorativ Vorteile bei epileptiformer Aktivität [13].
- teilweise belegt
„Levetiracetam macht reizbar und aggressiv“
Bei Kindern signifikant mehr Verhaltensänderungen, bei Erwachsenen kaum [7]; bei gesunden Älteren nur ein Trend zu mehr Reizbarkeit [11].
Pharmakokinetik
- Aufnahme
- Gute orale Bioverfügbarkeit, lineare Kinetik, kaum Plasmaeiweißbindung [6].
- Halbwertszeit
- Bei Erwachsenen 6–8 Stunden; bei Nierenversagen bis etwa 25 Stunden [14].
- Abbau
- 66 % unverändert im Urin, 24 % als inaktiver Metabolit; nicht über Cytochrom P450 [6].
- Weg ins Gehirn
- Bindet an SV2A in menschlichem Gehirngewebe [3]; Liquorspiegel in den geprüften Quellen nicht quantifiziert.
Rechtlicher Status
- Deutschland
- Verschreibungspflichtig als Arzneimittel (AMVV Anlage 1, Eintrag „Levetiracetam“) [15]. Als Antiepileptikum in der EU zugelassen [5]; Einzelheiten der deutschen Zulassung nicht eigens geprüft.
- EU
- Anfang der 2000er-Jahre als Antiepileptikum zugelassen [5].
- USA
- 1999 von der FDA als Zusatztherapie bei fokalen Anfällen zugelassen, intravenöse Form 2006 [5].
- Andere Länder
- Weltweit verbreitetes Antiepileptikum; in den geprüften Quellen nicht als Nootropikum zugelassen.
Verwandte Substanzen
Offene Fragen
- Wie genau verändert die Bindung an SV2A die Transmitterfreisetzung?
- Profitieren Menschen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung in größeren und längeren Studien?
- Lässt sich vorhersagen, wer psychiatrische Nebenwirkungen entwickelt?
Referenzen
- Noyer M, Gillard M, Matagne A, Hénichart JP, Wülfert E. The novel antiepileptic drug levetiracetam (ucb L059) appears to act via a specific binding site in CNS membranes. Eur J Pharmacol. 1995;286(2):137–46. doi:10.1016/0014-2999(95)00436-o · PubMed
- Lynch BA, Lambeng N, Nocka K, Kensel-Hammes P, Bajjalieh SM, Matagne A, et al. The synaptic vesicle protein SV2A is the binding site for the antiepileptic drug levetiracetam. Proc Natl Acad Sci U S A. 2004;101(26):9861–6. doi:10.1073/pnas.0308208101 · PubMed
- Gillard M, Chatelain P, Fuks B. Binding characteristics of levetiracetam to synaptic vesicle protein 2A (SV2A) in human brain and in CHO cells expressing the human recombinant protein. Eur J Pharmacol. 2006;536(1–2):102–8. doi:10.1016/j.ejphar.2006.02.022 · PubMed
- Lukyanetz EA, Shkryl VM, Kostyuk PG. Selective blockade of N-type calcium channels by levetiracetam. Epilepsia. 2002;43(1):9–18. doi:10.1046/j.1528-1157.2002.24501.x · PubMed
- Contreras-García IJ, Cárdenas-Rodríguez N, Romo-Mancillas A, Bandala C, Zamudio SR, Gómez-Manzo S, et al. Levetiracetam mechanisms of action: from molecules to systems. Pharmaceuticals (Basel). 2022;15(4):475. doi:10.3390/ph15040475 · PubMed
- Patsalos PN. Pharmacokinetic profile of levetiracetam: toward ideal characteristics. Pharmacol Ther. 2000;85(2):77–85. doi:10.1016/s0163-7258(99)00052-2 · PubMed
- Mbizvo GK, Chandrasekar B, Nevitt SJ, Dixon P, Hutton JL, Marson AG. Levetiracetam add-on for drug-resistant focal epilepsy. Cochrane Database Syst Rev. 2020;6(6):CD001901. doi:10.1002/14651858.CD001901.pub3 · PubMed
- Ramírez-Guerrero S, Gaviria-Carrillo M, Suarez-Rubiano J, Nava-Mesa MO, Mendivelso-Juya P, Olaya-Galindo MD, et al. Neuropsychiatric adverse effects associated with the use of levetiracetam in adults: a systematic review and meta-analysis. Med Princ Pract. 2026:1–22. doi:10.1159/000552515 · PubMed
- Meador KJ, Gevins A, Loring DW, McEvoy LK, Ray PG, Smith ME, et al. Neuropsychological and neurophysiologic effects of carbamazepine and levetiracetam. Neurology. 2007;69(22):2076–84. doi:10.1212/01.wnl.0000281104.55418.60 · PubMed
- Meador KJ, Gevins A, Leese PT, Otoul C, Loring DW. Neurocognitive effects of brivaracetam, levetiracetam, and lorazepam. Epilepsia. 2011;52(2):264–72. doi:10.1111/j.1528-1167.2010.02746.x · PubMed
- Schoenberg MR, Rum RS, Osborn KE, Werz MA. A randomized, double-blind, placebo-controlled crossover study of the effects of levetiracetam on cognition, mood, and balance in healthy older adults. Epilepsia. 2017;58(9):1566–74. doi:10.1111/epi.13849 · PubMed
- Bakker A, Krauss GL, Albert MS, Speck CL, Jones LR, Stark CE, et al. Reduction of hippocampal hyperactivity improves cognition in amnestic mild cognitive impairment. Neuron. 2012;74(3):467–74. doi:10.1016/j.neuron.2012.03.023 · PubMed
- Vossel K, Ranasinghe KG, Beagle AJ, La A, Ah Pook K, Castro M, et al. Effect of levetiracetam on cognition in patients with Alzheimer disease with and without epileptiform activity: a randomized clinical trial. JAMA Neurol. 2021;78(11):1345–54. doi:10.1001/jamaneurol.2021.3310 · PubMed
- Wright C, Downing J, Mungall D, Khan O, Williams A, Fonkem E, et al. Clinical pharmacology and pharmacokinetics of levetiracetam. Front Neurol. 2013;4:192. doi:10.3389/fneur.2013.00192 · PubMed
- Verordnung über die Verschreibungspflicht von Arzneimitteln (Arzneimittelverschreibungsverordnung – AMVV), Anlage 1 (zu § 1 Nr. 1 und § 5). Stand: zuletzt geändert durch Art. 1 V v. 19.5.2026 (BGBl. 2026 I Nr. 149). Bundesministerium der Justiz [Internet]. Abgerufen am 26.10.2026. Verfügbar unter: https://www.gesetze-im-internet.de/amvv/anlage_1.html (Eintrag „Levetiracetam“).
Wie dieses Profil geprüft wurde
Stand: 2026-10-26. Alle Quellen mit DOI oder PMID wurden automatisch über Crossref bzw. doi.org und PubMed aufgelöst.
Geprüft
- 26.10.2026 (Entscheidung n015, Prüfbericht E-20 Frage 14): `rx_referenz` gesetzt, `kategorie` bleibt Nootropikum. AMVV Anlage 1 im Volltext abgerufen (gesetze-im-internet.de, Stand: zuletzt geändert durch Art. 1 V v. 19.5.2026, BGBl. 2026 I Nr. 149): Eintrag „Levetiracetam“ ohne Ausnahme oder Einschränkung [15]; die Verschreibungspflicht steht jetzt mit Beleg in status.deutschland. Die AMIce-Formel aus dem Prüfbericht wurde nicht übernommen, weil keine Dokumentanzeige eines Präparats mit Status „zugelassen“ oder „verlängert“ gelesen wurde (Prüfbericht, Methodik 1).
- Alle 14 DOIs über Crossref und alle 14 PMIDs über PubMed aufgelöst (Prüfskript).
- Kernzahlen an Abstracts: Kd 780 nM, R-Enantiomer ≈ 1000-fach schwächer, Verdrängung durch Piracetam/Aniracetam [1]; SV2A-Knockout, keine Bindung an SV2B/C [2]; menschliches Gewebe [3]; N-Typ ≈ 37 % [4]; 66 %/24 %, kein CYP [6]; 14 Studien, n = 2455, RR 2,37, Schläfrigkeit 13 %, RR 1,62, Verhalten 1 % vs. 23 % [7]; OR 1,61 und 1,48, Depression OR 1,41 (n. s.) [8]; n = 28 [9]; n = 16 [10]; n = 20, 29/32 [11]; n = 34, Differenz 0,07 [13].
- Im Volltext: FDA-Zulassung 1999, intravenös 2006, EU Anfang der 2000er; Zink/β-Carbolin, AMPA −26,5 % [5]; 17 aMCI-Patienten mit vollständigen Daten [12]; t½ 6–8 h, bis 25 h bei Nierenversagen, AUC −21 % mit Enzyminduktoren, Psychose und Suizidalität in Fallberichten [14].
- ClinicalTrials.gov: 324 Einträge zu Levetiracetam (23.10.2026).
- Präzisions-Flags (m004, Umsetzung Claude 26.10.2026, zur Bestätigung durch Tilman): „Bessere geistige Leistung bei Gesunden“ → kleine_studien: [9] n = 28, [10] n = 16, [11] n = 20 (je Abstract).
- Gegenprüfung 26.10.2026 (m004, Umsetzung Claude, zur Bestätigung durch Tilman): Belege der gesetzten Präzisions-Flags (Teilnehmendenzahlen bzw. Finanzierungs- und Interessenangaben) aus den Prüfnotizen in die Begründung übernommen, damit sie für Lesende nachprüfbar sind; Teilnehmendenzahlen erneut an den PubMed-Abstracts abgeglichen.
Nicht verifiziert
- Genaues EU-Zulassungsjahr und Zulassungsweg (EMA-Seiten in der Cloud-Sitzung gesperrt).
- Die Aussage zu Psychose und Suizidalität stammt aus einer Übersicht, die Originalfallberichte wurden nicht gelesen.
- Der mittlere Satz des Abstracts von [9] ist in PubMed unvollständig; die Angabe „in Nebenanalysen schlechter als ohne Medikament“ stützt sich auf den lesbaren Teil.
Keine Dosierungen, keine Bezugsquellen. Diese Informationen ersetzen keine ärztliche Beratung.
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