Nachschlagewerk, keine Anwendungsempfehlung: Das Profil beschreibt Wirkmechanismus und Studienlage und ersetzt keine ärztliche Beratung. Die Versprechen stammen aus Werbung und Foren und werden hier geprüft, nicht vertreten.
Wirkweise
Evidenzkarte: Aniracetam
Aniracetam verstärkte in Xenopus-Oozyten, die Rattenhirn-mRNA exprimierten, Ströme über AMPA-Rezeptoren ab einer Konzentration von 0,1 mM, ohne NMDA-, Kainat- oder GABA-Antworten zu verändern [1]. In Hippocampusschnitten verringerte es die Desensitisierung von Glutamatrezeptoren und verlängerte schnelle erregende synaptische Ströme [2]. Kokristallstrukturen der GluA2-Ligandenbindungsdomäne zeigen, dass Aniracetam an der Grenzfläche zweier Untereinheiten auf der Symmetrieachse nahe dem Gelenk der Bindungsdomäne bindet; die Autoren schließen, dass es die glutamatgebundene, geschlossene Form stabilisiert und so die Deaktivierung verlangsamt [3]. Piracetam bindet dagegen an anderen Stellen derselben Grenzfläche und nur mit geringer Besetzung [4].
Offen ist, ob solche Konzentrationen im Gehirn erreicht werden. Bei Ratten war das Verhältnis der Konzentration im Gehirn zu der im Plasma für Aniracetam mit 2,4–3,2 % gering, für das Abbauprodukt 2-Pyrrolidinon dagegen 53–55 % [5]. Beim Menschen lag die höchste Plasmakonzentration nach etwa 0,4 Stunden im Nanogramm-pro-Milliliter-Bereich [6]. Bei schlaganfallanfälligen, hypertensiven Ratten setzte oral gegebenes Aniracetam im präfrontalen Kortex Dopamin und Serotonin frei; dieser Effekt ließ sich durch den Metaboliten N-Anisoyl-GABA nachahmen und durch Blockade nikotinischer Acetylcholinrezeptoren aufheben [7]. In drei Angstmodellen bei Mäusen wirkte Aniracetam angstlösend; Haloperidol, Mecamylamin und Ketanserin hoben das weitgehend auf, und einzelne Metaboliten ahmten die Wirkung nach [8].
Eine Übersichtsarbeit eines Autors mit Roche-Anschrift hält fest, dass es keinen überzeugenden Beleg gibt, dass die Effekte in Tiermodellen klinisch wirksam werden [9]. Bei gesunden, nicht vorgeschädigten Mäusen veränderte Aniracetam weder Lernen noch Gedächtnis oder Angstverhalten [10]. Beim Menschen fand eine randomisierte Studie bei Alzheimer-Demenz keinen Unterschied zu Placebo [11], eine größere placebokontrollierte Studie dagegen einen Vorteil [12]; eine offene Vergleichsstudie berichtet stabile Testwerte über zwölf Monate [13]. Bei Gesunden wurde nur geprüft, ob Aniracetam die durch Scopolamin ausgelösten Defizite abschwächt [14].
Angriffspunkte
| Ziel | Typ | Wirkung | Kennwert | Evidenz |
|---|---|---|---|---|
| AMPA-Rezeptor GluA2 (Ligandenbindungsdomäne, Dimer-Grenzfläche) | Rezeptor | positiver Modulator | wirksam ab 0,1 mM (Xenopus-Oozyten) | Labor[1][2][3] |
| Nikotinische Acetylcholinrezeptoren (indirekt, über den Metaboliten N-Anisoyl-GABA) | Rezeptor | Aktivator | Tierversuch[7] |
Wirkprofil
- DopaminDopaminfreisetzung im präfrontalen Kortex hypertensiver Ratten, über Metabolit N-Anisoyl-GABA[7]
- Noradrenalin
- SerotoninSerotoninfreisetzung im präfrontalen Kortex hypertensiver Ratten[7]
- AcetylcholinEffekte auf Monoamine und Angstverhalten durch nikotinische Blockade aufgehoben (Ratte, Maus)[7][8]
- Glutamat · AMPAverringert Desensitisierung und verlangsamt Deaktivierung von AMPA-Rezeptoren (Zellen, Hirnschnitte)[1][2][3]
- Glutamat · NMDA
- GABA
- Histamin
- Orexin
- Adenosin
- Opioide
- Melatonin
- Neurotrophine
- Durchblutung
- Stickstoffmonoxid
- Energiestoffwechsel
- Insulin · Glukose
- Entzündung · oxidativ
- Stressachse
- Testosteron-Achse
- Endocannabinoide
- Autophagie · Seneszenz
- Immunsystem
- Lipidstoffwechsel
- Gerinnung · Fibrinolyse
- Methylierung
Studien am Menschen
Alzheimer-Demenz, 3 Monate
Gemessen: psychometrische Tests, klinische Beurteilung
Ergebnis: Verbesserungen in beiden Gruppen, kein Unterschied zu Placebo; viermal Verwirrtheit unter Aniracetam, einmal unter Placebo.[11]
Mensch, randomisiert
Alzheimer-Demenz, 6 Monate
Gemessen: klinische, verhaltensbezogene und psychometrische Werte
Ergebnis: Am Studienende signifikanter Unterschied zugunsten von Aniracetam; unter Placebo stetige Verschlechterung.[12]
Mensch, randomisiert
Kognitive Störungen, offener Vergleich
Gemessen: neuropsychologische Tests
Ergebnis: Unter Aniracetam blieben die Testwerte über 12 Monate stabil; Stimmung nach 3 Monaten besser.[13]
Mensch, nicht randomisiert
Scopolamin-Modell bei Gesunden
Gemessen: Gedächtnis und Informationsverarbeitung nach Scopolamin
Ergebnis: Die orale Aniracetam-Gabe schwächte die Scopolamin-Defizite signifikant ab.[14]
Mensch, randomisiert
Pharmakokinetik bei Gesunden
Gemessen: Plasmakonzentration
Ergebnis: Höchste Plasmakonzentration nach etwa 0,4 Stunden, im Bereich weniger Nanogramm pro Milliliter.[6]
Mensch, randomisiert
Risiken und Warnhinweise
Verwirrtheit
In einer randomisierten Studie bei Alzheimer-Demenz wurde die Behandlung wegen Verwirrtheit bei vier Personen unter Aniracetam und bei einer unter Placebo abgebrochen [11].
Mensch, randomisiert
Fehlende Qualitätskontrolle
In Nahrungsergänzungsmitteln für Kognition nachgewiesen, teils nicht deklariert; 75 % der angegebenen Wirkstoffmengen in den Produkten waren falsch [15].
Keine Daten
Begrenzte Sicherheitsdaten
In einer Studie als sehr gut verträglich beschrieben [12]; systematische Langzeitdaten nach heutigen Standards wurden in den geprüften Quellen nicht gefunden.
Mensch, randomisiert
Faktencheck: verbreitete Behauptungen
- nicht belegt
„Aniracetam steigert Gedächtnis und Konzentration bei Gesunden“
Beim Menschen nur im Scopolamin-Modell geprüft [14]; gesunde Mäuse zeigten keinerlei Veränderung [10].
- teilweise belegt
„Aniracetam ist ein AMPA-Verstärker“
Im Labor eindeutig gezeigt [1][2][3]; ob im Gehirn wirksame Konzentrationen der Muttersubstanz erreicht werden, ist fraglich [5].
- teilweise belegt
„Aniracetam wirkt angstlösend“
In drei Mausmodellen gezeigt [8]; beim Menschen nur eine bessere Stimmung in einer offenen, nicht randomisierten Studie bei Demenz [13].
- teilweise belegt
„Aniracetam erhöht Dopamin und Serotonin“
Nur bei schlaganfallanfälligen, hypertensiven Ratten gemessen, vermittelt über den Metaboliten N-Anisoyl-GABA [7]; beim Menschen nicht untersucht.
Pharmakokinetik
- Aufnahme
- Rasche Aufnahme; höchste Plasmakonzentration beim Menschen nach etwa 0,4 Stunden, mit sehr niedrigen Konzentrationen [6].
- Halbwertszeit
- Im geprüften Abstract nicht lesbar angegeben.
- Abbau
- Hauptmetaboliten 4-p-Anisamidobuttersäure (N-Anisoyl-GABA), 2-Pyrrolidinon und p-Anissäure (Ratte) [5].
- Weg ins Gehirn
- Ratte: Verhältnis Gehirn zu Plasma 2,4–3,2 % für Aniracetam, 53–55 % für 2-Pyrrolidinon [5].
Rechtlicher Status
- Deutschland
- nicht verifiziert (Arzneimittelregister nicht geprüft).
- EU
- Laut einer Strukturstudie von 2010 in Europa bei leichter Demenz verfügbar [4]; Länder und Zulassungsstatus nicht verifiziert.
- USA
- Nicht für die Anwendung am Menschen zugelassen; dennoch in Nahrungsergänzungsmitteln nachgewiesen [15].
- Andere Länder
- Australien: zugelassen [16]. Laut einer Übersichtsarbeit klinisch bei Verhaltenssymptomen der Demenz nach Schlaganfall und bei Alzheimer-Krankheit eingesetzt; das Land wird im Abstract nicht genannt [9]. Sport: nicht ausdrücklich verboten, wegen Ähnlichkeit zu Phenylpiracetam aber vermutlich von den WADA-Kriterien erfasst [17].
Verwandte Substanzen
Offene Fragen
- Welche Konzentrationen von Aniracetam und seinen Metaboliten erreicht das menschliche Gehirn?
- Sind die Effekte in Tiermodellen der Muttersubstanz oder den Metaboliten zuzuschreiben?
- Hat Aniracetam bei Gesunden ohne künstlich erzeugte Beeinträchtigung einen messbaren Effekt?
Referenzen
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- Isaacson JS, Nicoll RA. Aniracetam reduces glutamate receptor desensitization and slows the decay of fast excitatory synaptic currents in the hippocampus. Proc Natl Acad Sci U S A. 1991;88(23):10936–40. doi:10.1073/pnas.88.23.10936 · PubMed
- Jin R, Clark S, Weeks AM, Dudman JT, Gouaux E, Partin KM. Mechanism of positive allosteric modulators acting on AMPA receptors. J Neurosci. 2005;25(39):9027–36. doi:10.1523/JNEUROSCI.2567-05.2005 · PubMed
- Ahmed AH, Oswald RE. Piracetam defines a new binding site for allosteric modulators of alpha-amino-3-hydroxy-5-methyl-4-isoxazole-propionic acid (AMPA) receptors. J Med Chem. 2010;53(5):2197–203. doi:10.1021/jm901905j · PubMed
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Wie dieses Profil geprüft wurde
Stand: 2026-10-23. Alle Quellen mit DOI oder PMID wurden automatisch über Crossref bzw. doi.org und PubMed aufgelöst.
Geprüft
- Alle 17 DOIs über Crossref und alle 17 PMIDs über PubMed aufgelöst (Prüfskript).
- Im Volltext von [17]: Aniracetam mit unklarem WADA-Status, „presumed to meet WADA criteria“.
- Im Volltext von [16]: in Australien „piracetam is not authorised but aniracetam is“.
- Kernzahlen an Abstracts: ab 0,1 mM, NMDA/Kainat/GABA unverändert [1]; Desensitisierung [2]; Bindungsort und Mutationen [3]; Gehirn/Plasma 2,4–3,2 % bzw. 53–55 % [5]; Tmax 0,4 h, n = 20 [6]; N-Anisoyl-GABA, Mecamylamin [7]; Haloperidol, Mecamylamin, Ketanserin [8]; „no convincing evidence“ [9]; keine Unterschiede bei Mäusen [10]; n = 44, Verwirrtheit 4 vs. 1 [11]; n = 109 [12]; n = 276 [13]; n = 26 [14]; 75 % falsche Mengenangaben [15].
- Volltext (Open Access) von [4]: „only aniracetam is available for mild dementia in Europe“.
- ClinicalTrials.gov: 1 Eintrag (Studie zur Zuverlässigkeit von IQ-Tests unter Modafinil, Racetamen u. a.; 23.10.2026).
- Präzisions-Flags (m004; Regeln Leitfaden 26.10.2026; Teilnehmendenzahlen, Richtung und Finanzierung am 26.10.2026 per PubMed efetch an Abstract, COI-Angabe und Affiliationen geprüft): „Bessere geistige Leistung bei Gesunden“: kleine_studien – einzige Humanstudie [14] 26 ([10] Maus).
- 26.10.2026, Gegenprüfung der Präzisions-Flags (m004): Belege für die gesetzten Flags zusätzlich in die begruendung übernommen („Beleg für …“, Leitfaden „Präzisions-Flags“); Zahlen und Angaben erneut per PubMed efetch (Abstract, Interessen- und Förderangaben, Affiliationen) geprüft: [14] „26 healthy volunteers“.
Nicht verifiziert
- In welchen Ländern Aniracetam als Arzneimittel zugelassen ist (die Aussage in [4] ist eine Nebenbemerkung ohne Länderangabe).
- Plasmahalbwertszeit: im Abstract von [6] durch einen Satzfehler nicht lesbar.
- Ob die Studie [12] randomisiert war, steht nicht im Abstract (dort nur „placebo controlled“); die Evidenzstufe 4 stützt sich auf die Placebokontrolle.
- Ob in [14] eine Placebobedingung enthalten war, ist im Abstract nicht ausdrücklich beschrieben.
Keine Dosierungen, keine Bezugsquellen. Diese Informationen ersetzen keine ärztliche Beratung.
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