Nachschlagewerk, keine Anwendungsempfehlung: Das Profil beschreibt Wirkmechanismus und Studienlage und ersetzt keine ärztliche Beratung. Die Versprechen stammen aus Werbung und Foren und werden hier geprüft, nicht vertreten.

Wirkweise

Evidenzkarte: L-Tyrosin

Jede Linie steht für einen publizierten Befund; Linienstil und Farbe zeigen, woher er stammt. Der Filter blendet schwächere Evidenzstufen aus. Quellen: siehe Referenzen.

Tyrosin ist das Substrat der Tyrosinhydroxylase, die den geschwindigkeitsbestimmenden Schritt der Synthese von Dopamin, Noradrenalin und Adrenalin katalysiert. Anders als bei den meisten Neurotransmittern hängt die Syntheserate hier von der örtlichen Substratkonzentration ab; mehr Tyrosin im Gehirn steigert die Katecholaminbildung, allerdings nur in aktiv feuernden Neuronen [1]. Lange galt die Tyrosinhydroxylase unter normalen Bedingungen als nahezu gesättigt. Mikrodialyse-Versuche bei Ratten zeigten jedoch, dass mehr Tyrosin im Striatum und im präfrontalen Kortex die DOPA-Bildung deutlich erhöht [2].

Aus den Verhaltensstudien leitet eine Übersicht ab, dass Tyrosin die Kognition vor allem dann verbessert, wenn Dopamin oder Noradrenalin durch akuten Stress oder hohe Anforderungen vorübergehend erschöpft sind, das Transmittersystem selbst aber intakt ist [3]. Für die Behandlung von Erkrankungen oder für körperliche Leistung sieht dieselbe Übersicht wenig Potenzial [3].

Angriffspunkte

ZielTypWirkungKennwertEvidenz
TyrosinhydroxylaseEnzymBindungSubstrat des geschwindigkeitsbestimmenden Schritts; DOPA-Bildung bei mehr Tyrosin erhöht (Ratte) Tierversuch[1][2]

Wirkprofil

Welche Botenstoffsysteme die Substanz nach heutiger Datenlage beeinflusst. ↑ verstärkt, ↓ gedämpft, ≈ moduliert, ○ kein Effekt; Punkte = Evidenzstufe.

  • Dopamin↑ · Mehr DOPA-Bildung in Striatum und präfrontalem Kortex bei höherem Tyrosinangebot (Ratte)[1][2]
  • Noradrenalin↑ · Katecholaminbildung steigt mit dem Tyrosinangebot, vor allem in aktiven Neuronen (Übersicht, Tierdaten)[1]
  • Serotoninkeine Daten
  • Acetylcholinkeine Daten
  • Glutamat · AMPAkeine Daten
  • Glutamat · NMDAkeine Daten
  • GABAkeine Daten
  • Histaminkeine Daten
  • Orexinkeine Daten
  • Adenosinkeine Daten
  • Opioidekeine Daten
  • Melatoninkeine Daten
  • Neurotrophinekeine Daten
  • Durchblutungkeine Daten
  • Stickstoffmonoxidkeine Daten
  • Energiestoffwechselkeine Daten
  • Insulin · Glukosekeine Daten
  • Entzündung · oxidativkeine Daten
  • Stressachsekeine Daten
  • Testosteron-Achsekeine Daten
  • Endocannabinoidekeine Daten
  • Autophagie · Seneszenzkeine Daten
  • Immunsystemkeine Daten
  • Lipidstoffwechselkeine Daten
  • Gerinnung · Fibrinolysekeine Daten
  • Methylierungkeine Daten

Studien am Menschen

  • Arbeitsgedächtnis in der Kälte

    doppelblind, placebokontrolliert, Messwiederholung · gesund · n = 19 · drei Testtage mit Kaltwasser-Exposition

    Gemessen: Arbeitsgedächtnis, Reaktionszeit, Stimmung, Cortisol

    Ergebnis: Kälte verschlechterte das Arbeitsgedächtnis; mit Tyrosin mehr richtige Antworten und kürzere Bearbeitungszeit.[4]

    Mensch, randomisiert

  • Nachtarbeit mit Schlafentzug

    doppelblind, placebokontrolliert, Parallelgruppen · gesund · eine Nacht ohne Schlaf

    Gemessen: Psychomotorik, Vigilanz

    Ergebnis: Geringerer Leistungsabfall in einer psychomotorischen Aufgabe und weniger Aussetzer, für etwa 3 Stunden.[5]

    Mensch, randomisiert

  • Kognitive Flexibilität

    RCT, doppelblind, placebokontrolliert · gesund · n = 22 · Einzelgabe

    Gemessen: Aufgabenwechsel-Kosten

    Ergebnis: Geringere Wechselkosten als mit Placebo.[6]

    Mensch, randomisiert

  • Abhängigkeit vom DRD2-Genotyp

    RCT, doppelblind, placebokontrolliert · gesund · Einzelgabe

    Gemessen: Stopp-Signal-Aufgabe, N-Back

    Ergebnis: Träger des T/T-Genotyps profitierten stärker als C/C-Träger.[7]

    Mensch, randomisiert

  • Ältere Erwachsene, verschiedene Mengen

    RCT, doppelblind, Crossover · gesund (17 Ältere, 17 Jüngere) · n = 34 · Einzelgaben

    Gemessen: Plasma-Tyrosin, Arbeitsgedächtnis (N-Back)

    Ergebnis: Bei Älteren stiegen die Plasmaspiegel stärker, und höhere Mengen verschlechterten das Arbeitsgedächtnis.[8]

    Mensch, randomisiert

Risiken und Warnhinweise

  • Schlechtere Leistung bei Älteren

    Bei 60- bis 75-Jährigen verschlechterten höhere Mengen das Arbeitsgedächtnis, besonders bei starkem Anstieg des Plasmaspiegels [8].

    Mensch, randomisiert

  • Wenig Langzeitdaten

    Die Studien prüfen fast nur Einzelgaben; eine Schlafentzugsstudie beschrieb Tyrosin als relativ gut verträglich [5]. Langzeitstudien zu isoliertem Tyrosin wurden nicht gefunden.

    Mensch, randomisiert

Faktencheck: verbreitete Behauptungen

  • nicht belegt

    „L-Tyrosin steigert Fokus und Motivation im Alltag“

    Vorteile zeigen sich vor allem unter akutem Stress oder hoher Belastung [3][4][5]; Alltagsstudien ohne Belastung fehlen.

  • teilweise belegt

    „L-Tyrosin hilft bei Stress und Schlafmangel“

    Kleine placebokontrollierte Studien zeigen weniger Leistungseinbußen in Kälte und bei Schlafentzug [4][5]; größere Studien fehlen.

  • widerlegt

    „Mehr L-Tyrosin wirkt besser“

    Bei älteren Erwachsenen verschlechterten höhere Mengen das Arbeitsgedächtnis [8].

  • widerlegt

    „L-Tyrosin wirkt bei allen Menschen gleich“

    Der Effekt hing vom DRD2-Genotyp ab [7] und unterschied sich zwischen Älteren und Jüngeren [8].

Pharmakokinetik

Aufnahme
Plasmaspiegel steigen nach Einnahme dosisabhängig, bei Älteren stärker als bei Jüngeren [8].
Halbwertszeit
In den geprüften Studien nicht berichtet.
Abbau
Wird u. a. über die Tyrosinhydroxylase zu DOPA umgesetzt [1][2].
Weg ins Gehirn
Proteinreiche Mahlzeiten erhöhen die Tyrosinkonzentration im Gehirn [1].

Rechtlicher Status

Deutschland
Bestandteil der normalen Ernährung (Protein); Status als isolierter Zusatz nicht verifiziert.
EU
Nicht verifiziert.
USA
Nicht verifiziert.

Verwandte Substanzen

Offene Fragen

  • Gibt es eine optimale Tyrosinmenge, abhängig von Alter und Genotyp?
  • Nützt Tyrosin bei Gesunden ohne akute Belastung überhaupt?
  • Wie sicher ist eine regelmäßige Einnahme über Monate?

Referenzen

  1. Fernstrom JD, Fernstrom MH. Tyrosine, phenylalanine, and catecholamine synthesis and function in the brain. J Nutr. 2007;137(6 Suppl 1):1539S–47S. doi:10.1093/jn/137.6.1539S · PubMed
  2. Brodnik Z, Bongiovanni R, Double M, Jaskiw GE. Increased tyrosine availability increases brain regional DOPA levels in vivo. Neurochem Int. 2012;61(7):1001–6. doi:10.1016/j.neuint.2012.07.012 · PubMed
  3. Jongkees BJ, Hommel B, Kühn S, Colzato LS. Effect of tyrosine supplementation on clinical and healthy populations under stress or cognitive demands – a review. J Psychiatr Res. 2015;70:50–7. doi:10.1016/j.jpsychires.2015.08.014 · PubMed
  4. Mahoney CR, Castellani J, Kramer FM, Young A, Lieberman HR. Tyrosine supplementation mitigates working memory decrements during cold exposure. Physiol Behav. 2007;92(4):575–82. doi:10.1016/j.physbeh.2007.05.003 · PubMed
  5. Neri DF, Wiegmann D, Stanny RR, Shappell SA, McCardie A, McKay DL. The effects of tyrosine on cognitive performance during extended wakefulness. Aviat Space Environ Med. 1995;66(4):313–9. PubMed
  6. Steenbergen L, Sellaro R, Hommel B, Colzato LS. Tyrosine promotes cognitive flexibility: evidence from proactive vs. reactive control during task switching performance. Neuropsychologia. 2015;69:50–5. doi:10.1016/j.neuropsychologia.2015.01.022 · PubMed
  7. Colzato LS, Steenbergen L, Sellaro R, Stock AK, Arning L, Beste C. Effects of l-tyrosine on working memory and inhibitory control are determined by DRD2 genotypes: a randomized controlled trial. Cortex. 2016;82:217–24. doi:10.1016/j.cortex.2016.06.010 · PubMed
  8. van de Rest O, Bloemendaal M, de Heus R, Aarts E. Dose-dependent effects of oral tyrosine administration on plasma tyrosine levels and cognition in aging. Nutrients. 2017;9(12):1279. doi:10.3390/nu9121279 · PubMed
Wie dieses Profil geprüft wurde

Stand: 2026-10-23. Alle Quellen mit DOI oder PMID wurden automatisch über Crossref bzw. doi.org und PubMed aufgelöst.

Geprüft

  • Alle DOIs über Crossref und alle PMIDs über PubMed mit tools/pruefe_profile.py aufgelöst; [5] hat keine DOI.
  • Abstracts (bei [2] Tierart über MeSH: Sprague-Dawley-Ratten): Substratabhängigkeit der Katecholaminsynthese, nur in aktiven Neuronen, Protein erhöht Hirn-Tyrosin [1]; DOPA bis 250 % (Striatum) bzw. 300 % (mPFC), TH wohl nicht gesättigt [2]; Nutzen vor allem bei vorübergehender Erschöpfung der Katecholamine [3]; n = 19, Kälte, doppelblind [4]; Schlafentzug, doppelblind, Effekt ≈ 3 h, „relatively benign“ [5]; n = 22, Wechselkosten ↓ [6]; DRD2-Genotyp [7]; 17 + 17, Verschlechterung bei höheren Mengen [8].
  • ClinicalTrials.gov: 71 Einträge zu „tyrosine supplementation“ (23.10.2026).

Nicht verifiziert

  • Rechtlicher Status von L-Tyrosin als Nahrungsergänzung in Deutschland, der EU und den USA nicht geprüft.
  • Teilnehmerzahlen von [5] und [7] stehen nicht im Abstract.
  • Die oft genannten Bedenken zu MAO-Hemmern oder Schilddrüsenerkrankungen ließen sich in der Kürze nicht mit Studien belegen und wurden deshalb nicht aufgenommen.

Keine Dosierungen, keine Bezugsquellen. Diese Informationen ersetzen keine ärztliche Beratung.

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